Positionspapier der LAGFA Berlin
(von Andrea Brandt, Jochen Gollbach, Carola Schaaf-Derichs und Susanne Eckhardt vorgelegt und diskutiert bei der LAGFA-Sitzung am 9.3.2016)

Appell an die Politik: Engagementstrukturen müssen jetzt nachhaltig unterstützt werden!

1. Wo wir stehen
Berlin erlebt seit über einem Jahr einen überwältigenden Zuzug von Menschen aus Fluchtsituationen, die aus Krisen- und Kriegsgebieten oft unter dramatischen, chaotischen und oft traumatisierenden Umständen den Weg nach Berlin gefunden haben.
Die soziale Situation in der Stadt hat sich dadurch gravierend verändert: soziale Hilfsorganisationen kommen an ihre Kapazitätsgrenzen, neue Helfer-Generationen sind beherzt in die Lücke einer nicht funktionierenden Sofortversorgung gesprungen, staatliche Instanzen kommen bei ihren logistischen und administrativen Grundaufgaben bei der Aufnahme und Registratur der Geflüchteten nicht mehr hinterher. Enorme Einbrüche und Vertrauensverluste in der so gewünschten „Willkommenskultur“ waren und sind die Folge. Sollte der gesellschaftliche Umwälzungsprozess, den wir derzeit erleben, unter dem Gesichtspunkt einer inklusiven und inkludierenden Gesellschaft betrachtet werden, dann sollten auch alle zivilgesellschaftlichen Partner und Unterstützungsnetzwerke einbezogen werden. Vor allen Dingen ist es der engagierten Zivilgesellschaft zu verdanken, dass es bis jetzt noch nicht zu fundamentalen Ausfällen gekommen ist.
Die LAGFA Berlin hat alle Entwicklungen verfolgt und stellt hiermit ihren Beitrag als unverzichtbar fest.

2. Was Freiwilligenagenturen beitragen können:
Freiwilligenagenturen verfügen über aktuell gehaltene, vielfältige Kontaktnetze zur Bürgergesellschaft und zu engagierten Organisationen sowie Unternehmen. Sie verstehen sich als Mittler zwischen den Engagementinteressierten und den Orten und Formen des freiwilligen Engagements. In Berlin ist es bisher nicht gelungen, eine gute Verbindung und Kooperation zwischen den spontanen Hilfs-Initiativen, staatlichen Akteuren und sozialen Verbänden herzustellen. Eine Nachhaltigkeits-Perspektive wird mit dem drohenden burn-out vieler neuer Helfenden immer unwahrscheinlicher. Umso dringlicher ist unser Fachangebot zu verstehen:
– Die Berliner Freiwilligenagenturen bieten Beratung und Unterstützung für freiwillig helfende Bürger_innen – nun verstärkt auch im Bereich des Engagements für Geflüchtete („Hilfe für Helfende“).
– Sie beraten Organisationen zu allen Fragen eines gelingenden Freiwilligenmanagements. Dies ist bei den Unterkünften für Geflüchtete besonders dringlich und wichtig, da sie bislang oft keinen Kontakt zu Freiwilligen hatten, oder diesen sogar vermieden haben, nun aber verpflichtet werden sollen.
– Freiwilligenagenturen verfügen über erprobte Instrumente zur Schulung von (potenziell) freiwillig Engagierten, haupt- und ehrenamtlichen Freiwilligenkoordintor_innen und Organisationen. Fortbildungen und Schulungen können aufgrund des Erfahrungsschatzes und der Diversität der LAGFA Berlin, dem zentralen Zusammenschluss von Berliner Freiwilligenagenturen, individuell und situationsbezogen konzipiert und durchgeführt werden.

3. Rahmenbedingungen für eine unterstützte Bürgergesellschaft und ihre Infrastrukturen
Alle o.g. Maßnahmen setzen eine Finanzierung der Leistungen voraus. Freiwilligenagenturen sind professionelle Orte der Ertüchtigung der Zivilgesellschaft und haben – gerade in Berlin – eine fast dreißig-jährige Entwicklungs- und Aufbaugeschichte. Die Angebote von Freiwilligenagenturen umfassen derzeit bereits ein breites Spektrum, das sicherlich noch weiterwachsen wird und ausgebaut werden sollte:
A – Freiwilligenmanagement-Kurs für Mitarbeitende in Unterkünften für Geflüchtete
B – Schnittstellen-Management zwischen Einrichtungen und Freiwilligen (-gruppen)
C – Brückenbauer-Projekte für Konflikt-Situationen, Spracherwerb, Kultur-Erfahrungen, soziale Kontakte und Umfeld-Erkundung uvam (im Sinne inklusiver Organisationen)
D – Energie-Tanken – Freiwillige stärken: in der Hilfe für Geflüchtete
E – Crash-Kurs Freiwilligen-Koordination: was müssen sie wissen, was brauchen sie an Rahmenbedingungen – speziell in Unterkünften für Geflüchtete
F – Spontane Hilfe – was braucht sie jetzt? Nachhaltigkeitsstrategien für Hilfs-Netzwerke in der Unterstützung von Geflüchteten
G – Vernetzungs-Aktionen: Neue Formate für Kontakte zwischen neuen Projekten und Initiativen im Feld der Unterstützung für Geflüchtete und bestehenden Institutionen, Einrichtungen
H – Paten-Programme für Menschen aus Flucht- und Migrationssituationen
I – Kooperations- und Prozessbegleitung für „Freiwilligenorganisationen“ aller Art

Pos-Papier LAGFA-Nachh_LAGFA_09-03-2016